1001 Nacht

goldvorwort

«Gold auf Lapislazuli» -Vorwort

«Gold auf Lapislazuli» – diese Worte haben mich nicht mehr losgelassen, seit ich sie zum ersten Mal las. Sie gehören zu einem Gedicht aus Andalusien, aus jener berühmten multikulturellen Dichter-, Denker- und Musikerszene, in der Juden, Christen und Muslime einen friedlichen Austausch pflegten und aus deren Übersetzerwerkstätten Westeuropa im Mittelalter sein Wissen über die griechische Antike und die arabische Wissenschaft speiste.
«Gold auf Lapislazuli» ist in dem erwähnten Gedicht eine Metapher für Sterne auf dunkelblauem Nachthimmel. Doch als ich mich, mit diesen Worten im Herzen, auf die Suche nach den 100 schönsten Liebesgedichten des Orients begab, fielen mir unvermutet noch viele andere Bedeutungen derselben Metapher in den Schoß: «Lapislazuli ist ihr Haar / Die Arme purer als Gold», so beschreibt ein altägyptisches Liebeslied den Glanz weiblicher Schönheit; Ischtar, die altorientalische Göttin der Liebe, verspricht ihrem Angebeteten Gilgamesch einen Wagen «aus Lapislazuli und aus Gold»; und die schöne Braut aus Tausendundeiner Nacht präsentiert sich in einem blauen Kleid, «blau wie der Himmel und wie Lapislazuli», um kurz darauf mit dem goldenen Sommermond zu verschmelzen.
«Gold auf Lapislazuli» – sicherlich ist dies nicht die häufigste Metapher in der von Bildern und Vergleichen überschäumenden orientalischen Liebesdichtung. Aber mit der Magie ihres Farbenspiels, ihrer stofflichen Unvergänglichkeit, ihrer Unterschiedlichkeit und Harmonie bilden Gold und Lapislazuli ein Tor, durch das wir die Welt der orientalischen Liebesdichtung betreten dürfen.
Aus diesem Kosmos die 100 schönsten Gedichte auszuwählen ist eine dankbare und zugleich schwierige Aufgabe. Denn die Fülle infrage kommender Texte ist enorm. In wohl keiner anderen literarischen Region der Welt nimmt die Poesie gegenüber anderen Literaturformen einen so weiten Raum ein wie im Orient; und in kaum einer anderen Dichtung ist die Liebe so zentral und so facettenreich vertreten wie in der orientalischen. Allein die arabische Sprache kennt mehr als hundert Wörter für Liebe. Die Liebe ist im Orient ein weites Feld: Auch Themen wie Freundschaft, Gottvertrauen, Fürstenlob, Schönheit, Alter oder Tod, sogar Naturschilderungen können im Gewand eines Liebesgedichts da herkommen. Wohin ich anfangs auch blickte, hatte ich hundert schöne Liebesgedichte vor Augen – und beim nächsten Blick wieder hundert andere. Es wäre ein Leichtes gewesen, an dieser Stelle die 1001 schönsten Liebesgedichte zu versammeln.
Schon deshalb erhebt diese Anthologie keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ebenso wenig kann sie irgendeinen Proporz hinsichtlich
der geographischen, historischen oder religiösen Herkunft der Gedichte einhalten. Sie bietet aus diesem Grund auch keine systematische Darstellung nach Epochen oder Regionen. Stattdessen wurde ein thematischer Rundweg angelegt, der von «Ursprüngen» über das Thema «Schöne Männer, schöne Frauen» bis zu «Liebestod und Auferstehung» durch die wichtigsten Gebiete der orientalischen Liebesdichtung führt.
«Orient» und «orientalisch» – diese beiden Begriffe bedürfen einer kurzen Erläuterung. Im heutigen Sprachgebrauch bezeichnen sie zunächst die Kernländer des islamischen Kulturraums. Sich auf die arabische, persische und türkische Liebesdichtung der islamischen Zeit zu beschränken wäre jedoch zu kurz gesprungen. Ägypten ist ohne Pharaonen ebenso wenig denkbar wie Bagdad ohne Babylon; zu Syrien gehört das frühe Christentum ebenso wie die nestorianischen Christen zu Iran; Zentralasien zehrt von der jahrtausendealten Tradition der Seidenstraße, Arabien von der alt arabischen Beduinentradition, Jemen von der Königin von Saba; Andalusien mit seiner reichen literarischen und wissenschaftlichen Produktion wäre ohne das fruchtbare Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen niemals das «Wunder von al-Anda-lus» geworden, als das es der Übersetzer Georg Bossong zu Recht bezeichnet.
Darum schließt diese Anthologie auch Beispiele aus orientalischen Kulturen vor und neben dem Islam ein: Das assyrische Gilgamesch-Epos und die altägyptischen Liebeslieder, die auf Tonscherben oder den Rückseiten berühmter Papyri gefunden wurden, kommen ebenso zu Wort wie das hebräische Hohelied der Liebe. Darüber hinaus finden sich, neben vielen anderen, ein aramäisches Liebeslied, zwei moderne christlich-arabische Texte, drei reizende armenische «Vollmonde» sowie – gut versteckt – vier deutsche Gedichte, die sich als krypto-orientalische Halbedelsteine in die Sammlung eingeschmuggelt haben.
Wir haben also einen weit gespannten Rundweg durch die Liebesdichtung des Orients vom Altertum bis in die Moderne vor uns. Und auf diesem Rundweg kommen überraschende intertextuelle Bezüge ans Tageslicht: die Liebeserklärung eines modernen Palästinensers an das biblische Hohelied der Liebe; die verblüffenden Parallelen zwischen dem Lob der Schönheit der altägyptischen Sternengöttin aus dem 12. vorchristlichen und einer schönen Afghanin aus dem 17. nachchristlichen Jahrhundert, zwei fast identische Weingedichte aus Andalusien und Persien oder die bis in die Gegenwartslyrik wirksame Symbolkraft des altarabischen Liebespaares Leila und Madschnun, um nur einige solcher plötzlich sichtbar werdenden Schneisen zu nennen, die unser Rundweg quert und durch die tiefe Einblicke Tausende von Jahren und Kilometern weit möglich werden.
Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich auf diesem Rundweg eine gute Reise!

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